In Dietenheim, im Alb-Donau-Kreis, hat das Textilunternehmen Gebr. Otto ein innovatives Projekt ins Leben gerufen, das nicht nur die Umwelt entlasten, sondern auch der Textilindustrie neue Perspektiven bieten könnte. Gemeinsam mit Forschern aus Augsburg entwickelt das Unternehmen ein Recycling-Garn, das aus Alttextilien hergestellt wird. Dieses Projekt trägt den vielversprechenden Namen „Eco Yarn“ und wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert. Geschäftsführer Andreas Merkel hebt hervor, dass die Öko-Bilanz von herkömmlicher Baumwolle besorgniserregend ist: Bis zu 20.000 Liter Wasser werden benötigt, um ein Kilogramm Baumwolle zu produzieren.
Die Dietenheimer Spinnerei nutzt vor allem „Mietware“ aus Baumwolle, wie Handtücher und Kleidung aus Hotels und Krankenhäusern, als Material für das Recycling-Garn. Der Prozess des Recyclings erfolgt in mehreren Schritten: Alttextilien werden von Spezialfirmen mechanisch zerrissen und in Einzelfasern zerlegt. Das fertige Recycling-Baumwollgarn besteht zu 30 Prozent aus Post-Consumer-Recyclingfasern und zu 70 Prozent aus neuer Baumwolle. Das Material hat zwar eine rustikalere und grobere Optik, was gelegentlich als Nachteil wahrgenommen wird, doch das Unternehmen strebt an, den Anteil von Öko-Garnen an der Gesamtproduktion zu erhöhen.
Die Herausforderungen der Textilindustrie
In Deutschland fallen jährlich rund 1,6 Millionen Tonnen Alttextilien an, und die Tendenz ist steigend. Derzeit landen etwa 75 Prozent dieser Alttextilien auf Deponien oder werden verbrannt, während nur 1 Prozent in einem geschlossenen Kreislauf wiederverwendet wird. Damit wird deutlich, dass es einen enormen Handlungsbedarf gibt, um den Anteil wiederverwendeter Alttextilien zu erhöhen. Gebr. Otto erhält regelmäßig Anfragen von Kunden nach maßgeschneiderten Kreislauflösungen, was zeigt, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Textilbranche wächst. Ab Frühsommer 2024 möchten die Projektpartner ein PCR-Baumwollgarn entwickeln, das zur Hälfte aus wiederaufbereiteten Fasern besteht und für Handtücher geeignet ist.
Die Textilindustrie sieht sich jedoch nicht nur in Deutschland, sondern weltweit mit Herausforderungen konfrontiert. Jährlich werden global 92 Millionen Tonnen Textilabfall produziert, von denen 73 Prozent auf Deponien landen oder verbrannt werden. Der Ressourcenverbrauch ist enorm: Die Textilproduktion benötigt jährlich 215 Trillionen Liter Wasser und trägt zu 2-8 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen bei. Ein Umdenken in der gesamten Wertschöpfungskette ist dringend erforderlich, um die Umweltbelastungen zu reduzieren und die Textilindustrie nachhaltiger zu gestalten.
Der Weg zur Kreislaufwirtschaft
Der WWF fordert eine Textilindustrie, die innerhalb planetarer Grenzen funktioniert und natur- sowie klimaschützende Maßnahmen priorisiert. Um dies zu erreichen, sollten Textilien für Langlebigkeit konzipiert, aus verantwortungsvoll gewonnenen oder recycelten Materialien hergestellt und am Ende ihres Lebenszyklus recycelt werden. Acht strategische Ansätze für eine Kreislaufwirtschaft in der Textilindustrie umfassen die Reduktion von Überproduktion und -konsum, die Verwendung nachhaltiger Rohstoffe und die Entwicklung effektiver Recyclinglösungen.
Die Entwicklung von Projekten wie „Eco Yarn“ ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es zeigt, dass Unternehmen wie Gebr. Otto bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und innovative Lösungen zu finden, um die Herausforderungen der Textilindustrie anzugehen. Gemeinsam können Politik, Produzenten, Unternehmen und Konsumenten an einem Strang ziehen, um die Textilbranche in eine nachhaltige Zukunft zu führen. Der Weg ist lang, doch mit jeder Initiative wie dieser wird ein Stück näher an das Ziel einer umweltfreundlicheren und gerechteren Textilwirtschaft gerückt.
Für weitere Informationen zu den Herausforderungen und Möglichkeiten in der Textilindustrie besuchen Sie die SWR Aktuell, die Südwesttextil und die WWF.