Im Vorfeld der Landtagswahl in Baden-Württemberg stehen die Jungen Liberalen aus Ulm und Biberach, der Jugendverband der FDP, vor der Herausforderung, ihre Präsenz in den sozialen Medien zu stärken. Jan Jachmann und Lars Jan Verwaal, beide erst 16 Jahre alt, übernehmen die Leitung der Social-Media-Accounts und erzielen regelmäßig Hunderttausende von Aufrufen mit ihren Videos. In einer Zeit, in der die FDP nicht im Bundestag vertreten ist und die Fünfprozenthürde bei der bevorstehenden Wahl gefährdet ist, sehen die beiden Jugendlichen Social Media als effektiver an als klassische Wahlkampfmethoden wie das Klingeln an Türen. Verwaal hebt die Bedeutung viraler Posts hervor, um Reichweite und Vertrauen in die Partei zu gewinnen.
Die Landesvorsitzende der Jungen Liberalen Baden-Württemberg, Anna Stubert, plant zudem einen Offline-Wahlkampf mit einem Bus, der durch das Bundesland tourt. Neben der Verteilung von Merchandise-Artikeln wie Feuerzeugen, Schals und Flyern versuchen die Wahlkämpfer, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten. Während die Resonanz beim Offline-Wahlkampf in Ravensburg jedoch verhalten ist und die lokale Spitzenkandidatin Anja Widenmann über das Erwartungsmanagement spricht, bleibt die Frage, wie gut die Kombination aus Online- und Offline-Strategien tatsächlich funktioniert. Die Jungen Liberalen sind fest entschlossen, nach der Wahl zu sagen, sie hätten alles gegeben.
Junge Wähler im Fokus
Insgesamt können bei der Landtagswahl 180.000 junge Menschen in Baden-Württemberg erstmals ihre Stimme abgeben. Diese Zahl ist Teil der insgesamt 7,7 Millionen wahlberechtigten Bürger im Land. Luzius Hölzel, ein 17-jähriger Jugendgemeinderat aus Wangen, hat eine Podiumsdiskussion zur Landtagswahl organisiert und beobachtet, dass es viele politisch interessierte Jugendliche gibt, aber auch zahlreiche, die von den Parteien nicht erreicht werden. Der Landesjugendring in Baden-Württemberg setzt sich stark für die Interessen junger Menschen in der Landespolitik ein, und es gibt einen „Wahlprogramm-Check“, der die Programme der sechs größten Parteien analysiert. Themen wie bezahlbares Wohnen für Azubis, vergünstigter Führerschein und Smartphoneverbot an Schulen sind dabei von besonderem Interesse.
Alexander Strobel, Vorstandssprecher des Landesjugendrings, bestätigt das Interesse der Parteien an jungen Wählern, auch wenn die direkte Ansprache junger Menschen durch die Parteien selten ist. Die AfD und die Linke versuchen, über Plattformen wie TikTok zu punkten, während der Social Media-Wahlkampf sich oft mehr auf Emotionen als auf Inhalte konzentriert. Es bleibt abzuwarten, ob die 16- und 17-Jährigen spezielle Wünsche an den Wahlkampf haben, was von Politikexperten wie Frank Brettschneider als unsicher eingestuft wird.
Die Entwicklungen im Wahlverhalten
Die Relevanz junger Wähler hat sich seit der Bundestagswahl 1972 deutlich verändert. Die Altersgrenze für das aktive Wahlrecht wurde damals auf 18 Jahre gesenkt, und seither wird das Wahlverhalten junger Menschen intensiv analysiert. Der demografische Wandel zeigt einen Anstieg der Wahlberechtigten über 60 Jahre, während der Anteil junger Wahlberechtigter stetig gesunken ist. Besonders auffällig ist die Wahlbeteiligung von 18- bis 24-Jährigen, die durchweg unter der der älteren Gruppen liegt. Geschlechterunterschiede in der Wahlbeteiligung nehmen ebenfalls zu, wobei junge Frauen seit 2017 häufiger wählen als junge Männer.
Die Parteien müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass junge Wähler zunehmend ihre Unterstützung zersplittern und zu anderen politischen Bewegungen tendieren. Die FDP zeigt starke Schwankungen in der Unterstützung junger Menschen, und die Grünen hatten bei den letzten Wahlen 2021 den stärksten Rückhalt, während für 2025 ein Rückgang auf 12% prognostiziert wird. Die AfD hat hingegen bei jungen Männern an Rückhalt gewonnen. Angesichts dieser Entwicklungen ist es von großer Bedeutung, dass Parteien die Interessen junger Wähler nicht aus dem Blick verlieren und aktiv auf ihre Anliegen eingehen.