Die ärztliche Versorgung in Baden-Württemberg gerät immer mehr ins Wanken. Eine aktuelle Untersuchung des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen zeigt, dass vor allem in einigen Mittelbereichen, wie etwa Balingen, ein akuter Mangel an Hausärzten herrscht. Tatsächlich ist der Mittelbereich Balingen mit einer Abdeckungsquote von nur 72 Prozent der am schlechtesten versorgte in ganz Baden-Württemberg. Das bedeutet, dass auf einen Hausarzt hier im Schnitt über 2.200 Patienten kommen – weit mehr als die empfohlenen 1.633. Dies stellt eine dramatische Lage dar, die zahlreiche Menschen in der Region betrifft. Laut Schwäbische sind auch Rottweil und Hechingen betroffen, wo die Abdeckungsquoten bei 73,1 Prozent und 80 Prozent liegen. Während Albstadt mit 85,7 Prozent und Tuttlingen mit 90,3 Prozent noch über der Mindestquote liegen, ist der Mangel an Hausärzten dennoch spürbar.
Die Erhebung der Hausärzte-Zahlen erfolgt vierteljährlich, und der Landesausschuss prüft regelmäßig die Notwendigkeit für Zulassungsbeschränkungen in überversorgten Mittelbereichen. In Regionen wie Freiburg hingegen ist die Situation ganz anders: Mit einer Abdeckungsquote von 126,2 Prozent gilt Freiburg als stark überversorgt, was bedeutet, dass Neuzulassungen für Hausärzte hier nicht erlaubt sind. Dies zeigt sich auch daran, dass die praktischen Konsequenzen dieser Ungleichverteilung immer stärker zu Tage treten. Oft müssen Patienten wochenlang auf einen Arzttermin warten, agieren aber trotzdem oft in der Illusion, dass die Versorgung ausreichend ist, da keine offizielle Unterversorgung festgestellt wurde. Der Gemeindetag Baden-Württemberg bestätigt diese Missstände und spricht von schwer zu bekommenden Terminen in vielen Kommunen, obwohl die Unterversorgung formal nicht vorliegt. Laut SWR sind insgesamt rund 1000 Hausarzt-Sitze unbesetzt – eine alarmierende Zahl, die die kritische Lage weiter verstärkt.
Das Problem der Überalterung
Ein weiteres besorgniserregendes Zeichen ist die zunehmende Überalterung der Hausärzte. Fast die Hälfte der 7000 niedergelassenen Ärzte in Baden-Württemberg ist älter als 60 und wird vermutlich in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Der Landesausschuss stellte fest, dass auch die veränderten Arbeitszeitmodelle, bei denen immer mehr Hausärzte als Angestellte tätig sind, die Situation weiter erschweren. Laut KVBW arbeiten mittlerweile viermal so viele Hausärzte als Angestellte wie vor 15 Jahren. Dieses Umdenken könnte die Versorgungslandschaft umso mehr beeinflussen, da viele der neuen Angestellten in der Regel kürzere Arbeitszeiten und weniger Patienten betreuen.
Besonders in Balingen und Umgebung wird das Fehlen von Nachfolgern zum Problem: Hier sind nicht nur die Zahlen der Hausärzte alarmierend, sondern viele von ihnen nähern sich dem Rentenalter. Zwölf von zwölf analysierten Hausarztpraxen in Balingen sind über 60 Jahre alt. Das bedeutet, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre dort der Großteil der Hausärzte in den Ruhestand gehen wird. Es gibt derzeit kaum Anreize, als neuer Hausarzt in eine unterversorgte Region zu ziehen, was die Herausforderung zusätzlich verkompliziert und die Chance erhöht, in den kommenden Jahren die ohnehin schon kritische Lage zu erleben.
Der Weg nach vorn
Wie geht es weiter in der hausärztlichen Versorgung? Die Antwort ist komplex und erfordert Lösungen, die über bloße Zahlenstatistiken hinausgehen. Der Landesausschuss hat die Aufgabe, Zulassungsbeschränkungen in überversorgten Mittelbereichen anzuraten, um eine bessere Verteilung zu erreichen. Die Basis für diese Entscheidungen liefert der Bedarfsplan, der regelmäßig überarbeitet wird. In den Planungsbereichen mit weniger als 75% werden unterversorgte Gebiete identifiziert und unterstützt. Zudem wird auf die Notwendigkeit von Anreizen und Förderungen hingewiesen, um die Hausärzte für ländliche und strukturschwache Gebiete zu gewinnen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ärztliche Versorgung in Baden-Württemberg auf dem Prüfstand steht. Akute Maßnahmen sind gefragt, um einem weiteren Abdriften in die Unterversorgung vorzubeugen. Ob diese rechtzeitig ergriffen werden, bleibt abzuwarten. Eines ist aber sicher: Die Bevölkerung in den betroffenen Regionen muss sich auf Veränderungen und Herausforderungen einstellen, die Folgen des demografischen Wandels und der veränderten Arbeitswelt mit sich bringen.