Am 22. Februar 2026 feierte das Schauspiel Stuttgart die Premiere von Martin Kušejs Inszenierung von Thomas Bernhards Stück „Vor dem Ruhestand“. Die Aufführung findet in einem besonders brisanten politischen Kontext statt. Die alten Nazi-Höllers sind verstorben, und rechtsextreme Parteien, allen voran die AfD, haben in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen. Bei der bevorstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März wird der AfD eine Verdopplung ihrer Parlamentssitze auf 20 % prognostiziert. Dies wirft einen Schatten auf die zeitgenössische Gesellschaft und lässt die dystopischen Elemente des Stücks besonders erschreckend wirken.
Bernhards Werk, das 1979 als Reaktion auf die Filbinger-Affäre entstand, spiegelt die düstere Realität wider, die heute in Deutschland herrscht. Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft, in der die Wiederherstellung der Todesstrafe und andere drastische Maßnahmen zur Normalität geworden sind. Kušej hat das Stück aktualisiert und lenkt den Fokus auf das inzestuöse Verhältnis zwischen Höller und seiner Schwester Vera, während das gesellschaftliche Chaos durch Nachrichten über Brandanschläge und Wahlergebnisse in den Hintergrund dringt.
Ein Blick auf die Charaktere
Die Charaktere in „Vor dem Ruhestand“ sind vielschichtig und spiegeln die gespaltene Gesellschaft wider. Höller, gespielt von Matthias Leja, zeigt eine latente Gewaltbereitschaft und misshandelt seine querschnittgelähmte Schwester Clara, die von Therese Dörr verkörpert wird. Clara, einst Aktivistin eines linken Befreiungskampfes, ist nun ein Opfer der Demütigungen ihrer Geschwister. Vera, gespielt von Katharina Hauter, ist ehrgeizig und politisch orientiert, aber auch sie ist Höller in ihrer Gesinnung verbunden. Diese komplexen Beziehungen sind das Herzstück des Stücks und verdeutlichen die moralischen Fragestellungen, die Bernhard aufwirft.
Das Bühnenbild von Annette Murschetz ist modern und minimalistisch, enthält jedoch auffällige Details, wie ein Triptychon von Adolf Ziegler, das den Betrachter direkt anspricht und zum Nachdenken anregt. Die Inszenierung dauert 2 Stunden und 40 Minuten, einschließlich einer Pause, und führt das Publikum durch eine beunruhigende, aber notwendige Reflexion über die Gegenwart und Zukunft Deutschlands.
Rechtsextremismus in der Gegenwart
Die dramatische Thematik von Bernhards Stück wird durch die gegenwärtige Bedrohung der Demokratie durch die AfD verstärkt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Partei unbestritten radikalisiert und wird zunehmend als rechtsextremistisch eingestuft. Schätzungen zufolge gibt es etwa 11.300 extremistische Mitglieder in der AfD, was rund 30 % der Parteimitglieder entspricht. Die interne Machtkämpfe haben das gemäßigte Lager geschwächt, während der rechtsextreme Flügel, insbesondere in Ostdeutschland, an Einfluss gewonnen hat.
Die AfD propagiert ein ethnisch-abstammungsmäßiges Volksverständnis, das im Widerspruch zur demokratischen Grundordnung steht. Forderungen nach einem „Wahlrecht nach Abstammung“ und eine Verschärfung der politischen Diskussionen zu Zuwanderung und Islam sind Teil ihrer Agenda. Matthias Quent, ein Rechtsextremismusexperte, bezeichnet die AfD als größte Bedrohung für die Demokratie und den inneren Frieden in Deutschland. Migranten haben Angst vor einer möglichen Machtübernahme der AfD und ziehen sogar in Erwägung, Deutschland zu verlassen.
Schlussfolgerung und Ausblick
Die Auseinandersetzung mit der AfD bleibt eine zentrale Herausforderung für die Gesellschaft. Anträge auf ein AfD-Verbotsverfahren wurden bereits eingebracht, wobei die Diskussion um den richtigen Umgang mit dieser Partei komplex und vielschichtig ist. Befürworter eines Verbots argumentieren, dass die AfD die Demokratie gefährdet, während Gegner befürchten, dass ein solches Verfahren kontraproduktiv sein könnte und die Partei stärken würde.
Die Inszenierung von „Vor dem Ruhestand“ bietet einen wichtigen Rahmen, um über diese Themen nachzudenken und sich mit der aktuellen politischen Situation auseinanderzusetzen. Es ist unerlässlich, dass Medien und Zivilgesellschaft sich aktiv mit dem Rechtsextremismus der AfD beschäftigen und die Diskussion über Demokratie und Menschenwürde weiterführen. In einem Umfeld, in dem die AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wurde, wird die Relevanz von Bernhards Werk umso deutlicher, und es fordert uns alle auf, wachsam zu sein.
Für weitere Informationen zu diesen Themen können Sie die vollständigen Artikel hier lesen: Nachtkritik, bpb, und Tagesschau.






