Im September kam es im Klinikum Tuttlingen zu einer überraschenden Wende: Der Chefarzt der Gynäkologie, bekannt für seine Expertise als Chirurg, trat auf eigenen Wunsch von seinem Posten zurück. Nur einen Tag vor seiner Kündigung wurde er mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Dabei geht es um sexuelle Belästigung einer Mitarbeiterin, die er jedoch vehement bestreitet. Dennoch zeigt eine eingehende Recherche, dass es insgesamt drei betroffene Frauen gibt, während die Klinikleitung nur von einer spricht. Schwäbische berichtet, dass …
Die Vorfälle hätten sich größtenteils im Jahr 2023 ereignet. Eine Mitarbeiterin schilderte, dass der Chefarzt in einer Situation während der Arbeit, sie umarmte und küsste. Bei einer Weihnachtsfeier soll er eine andere Ärztin ohne ihre Zustimmung geküsst haben. Besonders besorgniserregend ist ein Vorfall, bei dem der Chefarzt eine Mitarbeiterin in ein Zimmer rief, die Tür abschloss und versuchte, sie zu küssen. In einem Telefonat wies der Chefarzt die Vorwürfe zurück und war für ein Folgetelefonat nicht mehr erreichbar. Medizin berichtet, dass …
Interne Aufklärung und Mitarbeitermeinungen
Die Klinikleitung war bereits am 9. September über die schwerwiegenden Anschuldigungen informiert und leitete umgehend Klärungsmaßnahmen ein. Es drängt sich der Eindruck auf, dass der Chefarzt Rückendeckung durch Klinikchef Freytag erhalten hat, was dieser jedoch bestreitet. Mitarbeiter berichten von einer resignierten Haltung und dem Gefühl, von der Krankenhausführung im Stich gelassen zu werden. Viele hatten in der Vergangenheit von Vorwürfen gegen den Chefarzt gehört, jedoch aus Angst lediglich Kolleginnen darauf hingewiesen. Beschwerden über andere Verfehlungen des Chefarztes sind schon kurz nach seinem Dienstantritt im Jahr 2021 eingegangen, und die Kündigungen von Ärzten in der Frauenklinik haben sich seither gehäuft.
Die hohe Fluktuation unter den Ärzten hat auch die Hebammen stark belastet. Gespräche im Jahr 2022 zeigten, dass das gesamte Ärzteteam von 2021 mittlerweile nicht mehr im Dienst ist. Von 60 Ärzten, die in den letzten vier Jahren in der Frauenklinik tätig waren, sind nur noch 17 beschäftigt. Zudem kommen niedergelassene Gynäkologen in der Region zunehmend zu dem Schluss, dass die wechselnden Ansprechpartner in der Klinik eine negative Entwicklung darstellen und raten von Behandlungen ab.
Ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz
Die Vorfälle im Klinikum Tuttlingen sind Teil eines weit verbreiteten Problems im Gesundheits- und Sozialwesen, wie eine Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege zeigt. Diese deckt auf, dass sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz häufige und ernsthafte Probleme sind, die oft von Betroffenen nicht gemeldet werden. Besonders alarmierend ist, dass 94% der Beschäftigten im Gesundheitswesen von verbaler Gewalt berichteten und 70% von körperlicher Gewalt im letzten Jahr. Gezielte Aufklärung über die Risiken und Schutzmaßnahmen sind notwendig, um eine gewaltfreie Arbeitsumgebung zu schaffen und das Tabuthema sichtbar zu machen. DGUV berichtet, dass …
Der Chefarzt der Gynäkologie des Klinikums Tuttlingen ist nun Geschichte, die Suche nach einem Nachfolger läuft. Der leitende Oberarzt führt die Frauenklinik kommissarisch. Und eines ist klar: Die Änderung der internen Strukturen wird notwendig sein, um das Vertrauen der Mitarbeiterinnen und Patienten zurückzugewinnen und um besser mit solch brisanten Vorwürfen umgehen zu können.





