Am 6. März 2026 beleuchtet die Diskussion um die Rolle von Herbert von Karajan während der nationalsozialistischen Ära und danach neue Aspekte. Michael Wolffsohn hat mit seinem Buch „Genie und Gewissen“ einen Stein ins Wasser geworfen, der Wellen schlägt. Darin spricht er Karajan von den Vorwürfen des Nationalsozialismus frei, was allerdings nicht ohne Kritik bleibt. Der berühmte Dirigent war zwar Mitglied der NSDAP und profitierte von seiner Mitgliedschaft in der Zeit des Nationalsozialismus, Wolffsohn sieht ihn jedoch nicht als Täter, sondern als „Formal-Nazi“ und „Mitläufer“.

Karajan, dessen Karriere nach dem Krieg international florierte, lebte in einer von den Nazis enteigneten Villa, was Wolffsohn als Indiz für seine Unschuld wertet. Antisemitische Äußerungen Karajans werden als gängiger Antisemitismus abgetan und Wolffsohn argumentiert, dass die Darstellung Karajans als „Karajan der Nazi“ ein Nachkriegsmythos sei. Der Karajan-Forscher Oliver Rathkolb hingegen hält Wolffsohns Thesen für zu rosig und bezeichnet Karajan als „gefestigten Karriere-Nazi“. Er verweist auf Karajans Verbindungen zu nationalistischen und antisemitischen Kreisen und kritisiert das Verschwinden von mehr als 260 Briefen des jungen Karajan.

Karajan und die kulturelle Verantwortung

Wolffsohn, Sohn und Enkel von Holocaustüberlebenden, verschiebt mit seinem Buch den Fokus weg von Anklage oder Reinwaschung hin zu den kulturellen Fragen, die sich aus Karajans Rolle ergeben. Er thematisiert die Beziehung zwischen Kultur und der Realität der NS-Verbrechen. „War Karajan Nazi? Formalnazi, Gesinnungsnazi oder NS-Täter?“, fragt er provokant und bringt die moralische Verantwortung von Künstlern ins Spiel. Diese Diskussion spiegelt sich auch in der Auseinandersetzung über die gesellschaftliche Vergangenheitsbewältigung wider.

Karajan hatte in seiner Karriere auch Beziehungen zu jüdischen Musikern und Überlebenden, wie beispielsweise Michel Schwalbé. Diese Zusammenarbeit war von Respekt und Loyalität geprägt. Wolffsohns Buch regt zur Reflexion über den Umgang mit Kunst, Geschichte und Schuld an. Es wird im Februar 2026 beim Verlag Herder erscheinen und hat bereits jetzt für Aufsehen gesorgt.

Ein Blick auf die Kunst im Nationalsozialismus

Um die Rolle von Karajan im Kontext der nationalsozialistischen Kulturpolitik besser zu verstehen, ist ein Blick auf die allgemeine Kunstsituation in dieser Zeit unerlässlich. Alfred Rosenberg, ein einflussreicher Ideologe der Nationalsozialisten, lehnte die Idee einer universellen Kunst ab und propagierte stattdessen eine Kultur, die auf der „rassischen Substanz“ des Volkes basieren sollte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden viele Künstler, die nicht in das rassistische Weltbild passten, aus öffentlichen Ämtern entfernt.

Die Gründung der Reichskulturkammer unter Joseph Goebbels im Jahr 1933 war eine zentrale Maßnahme zur Kontrolle und Überwachung des deutschen Kunst- und Kulturlebens. Diese Institution sollte sicherstellen, dass nur „arische“ Künstler arbeiten durften und die Vielfalt der Kunst und Kultur der Weimarer Republik wurde als unwiderruflich beendet betrachtet. Die Kritik an avantgardistischen und großstädtischen Kunstformen führte zur Verfolgung vieler Künstler.

Die Diskussion um Karajan und seine Rolle während und nach der NS-Zeit wirft somit nicht nur Fragen über seine persönliche Verantwortung auf, sondern reflektiert auch die komplexe Beziehung zwischen Kunst und der politischen Realität in Deutschland. Wie Wolffsohn und Rathkolb zeigen, bleibt die Bewertung von Karajans Erbe eine Herausforderung, die tief in die gesellschaftliche Vergangenheitsbewältigung hineinragt.