In Bayern stehen die Kirchen vor einer tiefgreifenden Transformation. Die sinkenden Mitgliederzahlen machen es notwendig, dass sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche ihre finanziellen Strukturen überdenken. Im kommenden Jahr 2024 werden voraussichtlich 87.184 Menschen aus der katholischen Kirche und 39.486 aus der evangelischen Kirche im Freistaat Bayern austreten. Diese Entwicklung führt dazu, dass die Kirchen an einem Gebäudekonzept arbeiten, das in die Endphase geht. Ziel ist es, bis zu 50 Prozent der Immobilien aufzugeben: Die evangelische Kirche plant, bis 2035 die Hälfte ihrer Immobilien abzustoßen, während die katholische Kirche 30 Prozent ihrer Bauten aufgeben möchte. In Deutschland gibt es insgesamt rund 45.000 Kirchen, von denen die evangelische Kirche in Bayern 1.980 Kirchen und Kapellen, 1.680 Gemeindehäuser, 1.800 Pfarrhäuser, 800 Kindergärten und 770 Mehrzweckbauten unterhält.

Bereits seit einigen Jahren werden Kirchengebäude entwidmet, verkauft oder aufgegeben. Im Seelsorgebereich Main-Itz, im Landkreis Bamberg, wurden beispielsweise acht Pfarreien zusammengelegt und werden nun von einem leitenden Pfarrer und drei Priestern betreut. Ein konkretes Beispiel ist das Pfarrheim in Kemmern, das aufgrund seiner Einstufung in Kategorie C des Gebäudekonzepts keine Zuschüsse mehr erhält und somit geschlossen wurde. Die politische Gemeinde Kemmern hat sich entschieden, die laufenden Kosten des Pfarrheims zu übernehmen. In Garmisch-Partenkirchen werden drei Kirchen aufgegeben, und in Bamberg wurden in den letzten zehn Jahren insgesamt zehn Kirchen geschlossen. Die evangelische Kirche hat sogar eine Website für kirchliche Immobilienangebote eingerichtet, doch die Nachfrage bleibt gering.

Umnutzung und Profanierung von Kirchen

Die Umnutzung von ehemaligen Kirchen ist nicht neu. Bereits seit dem Mittelalter gibt es Beispiele dafür, wie sakrale Räume in andere Nutzungen überführt wurden. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich dieser Trend jedoch verstärkt. Laut Schätzungen könnten in zehn Jahren bereits 20 Prozent der Kirchen in Deutschland nicht mehr als Gottesdienstraum genutzt werden. In den letzten Jahren wurden deutschlandweit 611 katholische und zwischen 300 und 350 evangelische Kirchen profaniert oder entwidmet.

Ein Beispiel für die emotionale Dimension dieser Veränderungen ist die letzte Messe in der St. Anna Kirche in Gildehaus, Bad Bentheim, wo der Pfarrer Hubertus Goldbeck seine Trauer über die Profanierung äußerte. Reliquien, die Überreste von Heiligen, wurden entfernt, und der Altar geöffnet. Während in Berlin einige Kirchen von wachsenden orthodoxen Gemeinden übernommen werden, erleben andere Gebäude wie die Stephanuskirche eine unsichere Zukunft. Diese Kirche ist sanierungsbedürftig, aber könnte als öffentlicher Raum eine neue Funktion übernehmen.

Die Herausforderungen der Umwandlung

Die Umwandlung von Kirchen in andere Nutzungen ist jedoch oft mit Herausforderungen verbunden. Die Kosten für energetische Sanierungen und den Denkmalschutz können erheblich sein. Beispiele erfolgreicher Transformationen zeigen jedoch, dass es möglich ist, Kirchenräume neu zu gestalten. So wurde die ehemalige evangelische Lukaskirche in Essen 2008 entwidmet und 2012/2013 in Wohnungen umgebaut. Auch in Städten wie Berlin, Rostock und Essen finden sich zahlreiche Beispiele für Wohnungsumbauten in ehemaligen Kirchen.

Die gesellschaftlichen Implikationen dieser Entwicklungen sind weitreichend. Die Kirchenräume, die einst bedeutende liturgische Merkmale wie Kirchtürme und Altäre trugen, müssen neu interpretiert werden. Historische Beispiele, wie die Kapelle eines Augustinerinnen-Klosters, die im 16. Jahrhundert in Schulraum umgewandelt wurde, zeigen, dass Umnutzungen auch kulturelle und soziale Funktionen erfüllen können.

Ein Aufruf zur Entdeckung der Potenziale

Die Diskussion um die zukünftige Nutzung von Kirchengebäuden ist nicht nur eine Frage der Architektur oder Denkmalpflege. Sie berührt auch die gesellschaftliche Identität und den kulturellen Erhalt. Die Kirchen sollten nicht nur als Orte des Glaubens, sondern auch als Räume für Umweltschutz und kulturelle Aktivitäten betrachtet werden. Die Transformation dieser Räume bietet die Chance, sie als urbane Markierungen und kulturelle Stätten zu etablieren. Ein Beispiel ist das Restaurant „GlückundSeligkeit“ in Bielefeld, das aus einer ehemaligen Kirche hervorgegangen ist.

Die Herausforderungen und Chancen der Transformation von Kirchenräumen erfordern ein gemeinsames Engagement von Politik, Gesellschaft und Kirchen. Auf diese Weise können wir die Potenziale dieser besonderen Räume entdecken und die notwendigen Transformationsprozesse umsetzen. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in den Artikeln von BR.de, DW.com und bpb.de.