Am Montagabend, dem 10. Februar 2026, versammelten sich in Günzburg rund 150 bis 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer Kundgebung für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der kalte Abend sorgte nicht für weniger Engagement, denn die Menschen zeigten sich entschlossen, gegen eine parallel stattfindende Veranstaltung der AfD zu protestieren. Vor dem Forum am Hofgarten standen Erdal Künbül und seine Tochter, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Während drinnen die AfD ihre Veranstaltung im großen Saal abhielt, sorgten draußen Trommeln, Pfeifen und leidenschaftliche Reden für eine lebhafte Atmosphäre.
Die Kundgebung war nicht nur ein Ausdruck des Widerstands gegen die AfD, sondern auch eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Spannungen, die durch die politische Landschaft in Deutschland verstärkt wurden. In diesem Kontext gewinnt das Buch „Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus“ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey an Bedeutung. Darin untersuchen die Autoren das sich verändernde Phänomen des Faschismus und dessen Verhältnis zur Demokratie. Sie zeigen auf, dass viele Menschen nicht mehr an die Versprechen der liberalen Moderne glauben und sich in einem Zustand der Frustration befinden, was zu einer sogenannten „Zerstörungslust“ führen kann.
Demokratie und Faschismus im Dialog
Amlinger und Nachtwey führen eine umfangreiche Untersuchung durch, bei der sie 2.600 Menschen online befragten und 41 Interviews führten. Ihre Ergebnisse sind alarmierend: 12,5 Prozent der Befragten zeigen mittel- bis hochdestruktive Einstellungen, wobei viele von ihnen junge, männliche AfD-Wähler sind. Die Autoren argumentieren, dass moderne radikale Rechte sich fälschlicherweise als Vertreter des demokratischen Willens inszenieren und dass Demokratien latent die Gefahr bergen, in Faschismus umzuschlagen, wenn sie die realen Gefühle von Abwertung und Ohnmacht in der Gesellschaft ignorieren.
Die Kundgebung in Günzburg steht somit in einem größeren Kontext der politischen Radikalisierung, die auch die AfD betrifft. Kritiker warnen vor einer Zunahme von extremistischen Tendenzen innerhalb der Partei, nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in anderen Regionen wie Rheinland-Pfalz. Der Verfassungsschutz beobachtet eine Vernetzung der AfD mit der rechtsextremen Szene, was die gesellschaftliche Wahrnehmung von sozialen Problemen erheblich beeinflusst.
Radikalisierung und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Der Begriff „Remigration“, der in rechtsextremen Kreisen geprägt wurde, wird von AfD-Politikern wie Sebastian Münzenmaier und Joachim Paul übernommen und deutet auf eine gefährliche Rhetorik hin, die eine Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund aus Deutschland propagiert. Münzenmaier forderte kürzlich im Bundestag „millionenfache Remigration“, bevor er sich später von extremen Forderungen distanzierte und von Rückführungen auf rechtsstaatlichen Grundsätzen sprach. Solche Äußerungen schüren Ängste und tragen zur Spaltung der Gesellschaft bei.
In diesem Spannungsfeld ist die Rolle von Protestkundgebungen wie der in Günzburg von großer Bedeutung. Sie sind nicht nur ein Zeichen gegen die AfD, sondern auch ein Aufruf zur Solidarität und zum Zusammenhalt in der Gesellschaft. Amlinger und Nachtwey schlagen in ihrem Buch einen „postliberalen Antifaschismus“ vor, der soziale Freiheitsversprechen betont und eine Verbindung zwischen Konfrontation und solidarischen Alternativen herstellt.
Ausblick auf die Zukunft
Die Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft steht, sind komplex. Amlinger und Nachtwey weisen darauf hin, dass ein demokratischer Sozialismus eine mögliche Antwort auf die aktuellen Probleme darstellen könnte. Doch der Weg dorthin erfordert Engagement und die Bereitschaft, sich aktiv für eine demokratische und solidarische Gesellschaft einzusetzen. Die Kundgebung in Günzburg ist ein erster Schritt in diese Richtung und zeigt, dass viele Menschen bereit sind, für ihre Überzeugungen einzutreten und sich gegen die wachsende Radikalisierung zu stemmen.
In Zeiten, in denen die AfD bundesweit Zustimmungswerte von etwa 20 Prozent erreicht, ist es wichtiger denn je, den Dialog und die Auseinandersetzung zu suchen, um die Werte der Demokratie zu verteidigen und für eine inklusive Gesellschaft zu kämpfen. Die Ereignisse in Günzburg sind ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Widerstand möglich ist und dass das Engagement der Bürgerinnen und Bürger entscheidend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Weitere Informationen zu den Hintergründen finden Sie in der umfassenden Analyse von Amlinger und Nachtwey sowie in den Berichten über die aktuellen Entwicklungen rund um die AfD, etwa im Beitrag der Tagesschau.