Am Mathematischen Institut der Justus-Liebig-Universität (JLU) in Gießen ist es zu alarmierenden Raumluftuntersuchungen gekommen. Diese zeigen PCB-Konzentrationen, die über dem aktuellen Gefahrenwert liegen. PCB, oder Polychlorierte Biphenyle, sind eine Gruppe von chemischen Verbindungen, die seit 1989 in Deutschland verboten sind, da sie als giftig und krebserregend gelten. Die Grenzwerte für PCB wurden vom Umweltbundesamt nach einer Neubewertung abgesenkt, und in drei Räumen des Instituts wurden PCB-Belastungen von 950 bis 3440 ng/m³ festgestellt. Zum Vergleich: Der derzeitige Gefahrenwert liegt bei 800 ng/m³. Infolgedessen wurden einige Räume gesperrt, und betroffenen Beschäftigten werden Ausweichräume angeboten. Ein Seminarraum, dessen PCB-Belastung leicht unterhalb des Gefahrenwertes liegt, bleibt jedoch für gesunde Personen nutzbar. Die Hochschulgruppe SDS wirft der JLU vor, die PCB-Belastung zu vertuschen, was die Universität allerdings zurückweist und auf eine Informationsveranstaltung verweist.
Bereits 2021 wurden erhöhte PCB-Werte festgestellt, die jedoch unter dem damaligen Gefahrenrichtwert lagen. Die JLU plant keine Sanierung des Mathematischen Instituts, da das Gebäude aufgegeben werden soll. Regelmäßige Schadstoffuntersuchungen sind jedoch Teil der Sicherheitsmaßnahmen an der Universität, und aktuell wird eine Sanierung am Campus Kugelberg vorbereitet. Informationen zu PCB sind essenziell, da sie nicht nur in Innenräumen, sondern auch in der Umwelt und in Lebensmitteln vorkommen.
PCB – Ein gefährlicher Stoff
Polychlorierte Biphenyle, die seit 1929/30 hergestellt wurden und bis 1983 Verwendung fanden, haben vielfältige industrielle Anwendungen. Dazu gehören der Einsatz als elektrische Isolatoren, Weichmacher und Dichtungsmaterialien sowie in Hydraulikanlagen. Bis 1983 wurden weltweit etwa 1,5 Millionen Tonnen PCB produziert. Das Gefährdungspotential dieser Substanzen wurde bereits in den 1960er Jahren erkannt, was letztlich zu dem Verbot in Deutschland führte. Die vollständige Beseitigung war bis 2010 vorgesehen, mit einigen Ausnahmen. Die Aufnahme von PCB erfolgt hauptsächlich über die Nahrung, wobei der Großteil über fettreiche tierische Nahrungsmittel, insbesondere Fisch, aufgenommen wird. Auch über die Atmung können PCB in den Körper gelangen, was die aktuelle Situation an der JLU besonders besorgniserregend macht.
Die gesundheitlichen Auswirkungen von PCB sind nicht zu unterschätzen. Sie können Schäden am Immunsystem, der Schilddrüse sowie der Haut verursachen und werden als krebserzeugend eingestuft (IARC Gruppe 1). Bei einer täglichen Aufnahme von maximal 20 ng PCB pro kg Körpergewicht sind auch Kinder besonders betroffen. In PCB-belasteten Gebäuden werden regelmäßige Lüftungs- und Reinigungsmaßnahmen empfohlen, um die Belastung zu minimieren. Sollte der PCB-Gehalt in der Luft 3000 ng/m³ überschreiten, sind Sanierungsmaßnahmen dringend erforderlich.
Langzeitfolgen und Empfehlungen
Die Langzeiteffekte von PCB sind aufgrund der Vielfalt der Stoffgruppe schwer zu beurteilen. Während akute Gesundheitsschäden durch PCB-belastete Gebäude in der Regel nicht zu befürchten sind, sind die Langzeitwirkungen unzureichend erforscht. Tierversuche zeigen, dass PCB Veränderungen im Immunsystem, der Leber und der Fortpflanzungsfähigkeit verursachen können. Zudem deuten Studien darauf hin, dass bestimmte PCB das Tumorwachstum fördern können, auch wenn sie nicht direkt Krebs verursachen. Besonders hoch ist die PCB-Belastung bei werdenden Müttern, was zu Entwicklungsdefiziten bei Kindern führen kann.
Die Daten deuten jedoch auch auf eine abnehmende PCB-Belastung der Bevölkerung hin. Die Kommission Human-Biomonitoring hat neue Referenzwerte für PCB-Kongenere veröffentlicht, um die Belastung besser zu bewerten. In Anbetracht der aktuellen Situation an der JLU bleibt zu hoffen, dass die Problematik ernst genommen wird und geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um die Gesundheit von Studierenden und Mitarbeitenden zu schützen. Weitere Informationen zu PCB und deren Gefahren finden Sie in den Quellen hier, hier und hier.