Am Freitag, dem 6. März 2026, wird in Gießen die zweite Ausgabe des „Purple Ride“ stattfinden. Diese Fahrraddemo, die zwei Tage vor dem Internationalen feministischen Kampftag liegt, wird von verschiedenen Organisationen veranstaltet, darunter ALLrad, Adinet Mittelhessen, das Frauenhaus, die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt des SkF e.V. Gießen sowie das Büro für Frauen und Gleichberechtigung der Stadt Gießen. Der Startschuss fällt um 16:00 Uhr am Kirchenplatz in Gießen. Ziel der Veranstaltung ist es, auf die Ungleichbehandlung der Geschlechter im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen.
Die Kritik an der Verkehrsplanung ist ein zentrales Anliegen der Demo. Diese ist oft überwiegend männlich geprägt und berücksichtigt nicht die unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnisse, die je nach Geschlecht, Alter, Behinderung und sozialer Rolle variieren. Frauen leisten den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit, sei es in der Kinderbetreuung, Pflege oder im Haushalt. Interessanterweise zeigt sich, dass Frauen häufiger Zufußgehen, öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad nutzen, während Männer meist auf das Auto oder Firmenwagen zurückgreifen.
Forderungen und Symbolik
Die Demonstration fordert eine geschlechtergerechte Verkehrs- und Raumplanung. Diese sollte die Sicherheit, barrierefreie Infrastruktur und gut beleuchtete Wege berücksichtigen. Das Fahrrad hat dabei eine besondere Symbolik: Es steht für Emanzipation und Selbstbestimmung, was an den historischen Kampf um das Recht auf Fahrradfahren für Frauen erinnert. Neben der Demo wird die Stadt Gießen auch weitere Veranstaltungen im Rahmen des Frauentagsprogramms anbieten.
Ein Blick auf die Mobilitätsverhältnisse zeigt, dass trotz Fortschritten in der beruflichen Gleichberechtigung traditionelle Rollenbilder bei der Familiengründung oft zurückkehren. Frauen befinden sich dann in einem Spannungsfeld zwischen Beruf und Care-Arbeit. Sie übernehmen nicht nur die Verantwortung für den Transport von Kindern und Einkäufen, sondern auch für pflegebedürftige Angehörige. Dies führt zu komplexen Mobilitätsbedürfnissen, die stark von Faktoren wie der Sicherheit von Kindersitzen und dem Zustand der Fahrradwege abhängen. Männer hingegen haben einen höheren CO2-Fußabdruck, da sie motorisierte Mobilität bevorzugen.
Gender Gap in der Mobilität
Der Gender Care Gap, der bei 43,8% liegt, verdeutlicht, dass Frauen täglich 77 Minuten mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit aufwenden als Männer. Besonders in ländlichen Regionen haben Frauen Schwierigkeiten, ihre komplexen Wege ohne Auto zu bewältigen, da die Busfahrzeiten oft nicht mit Arbeits- oder Schulzeiten übereinstimmen. Die Verkehrsplanung orientiert sich meist an einem männlichen, vollzeit erwerbstätigen Modell und vernachlässigt die Mobilitätsmuster von Frauen. Androzentrische Sichtweisen führen dazu, dass die Bedürfnisse von Frauen und anderen benachteiligten Gruppen nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Um die Situation zu verbessern, ist es wichtig, dass mehr Frauen in Entscheidungspositionen in der Verkehrsplanung vertreten sind. Die Forderung nach einer geschlechtergerechten Verkehrswende ist nicht nur eine Frage der Gleichstellung, sondern soll auch ökologische Ziele unterstützen und die Bedürfnisse von Frauen, Kindern und älteren Menschen in den Fokus rücken. Vorschläge zur Verbesserung beinhalten die Berücksichtigung von Versorgungsarbeit und multimodalen Wegen sowie die Erfassung von Geschlechterdifferenzen in der Datenerhebung.
Veranstaltungen und Initiativen
Ein weiterer Schritt in diese Richtung wird von dem mFUND-Frauennetzwerk „Women for Datadriven Mobility“ (wDRIVE) gemacht. Am 11. April 2024 findet eine Veranstaltung statt, bei der über den Gender Gap in der Mobilität diskutiert wird. Expertinnen wie Juliane Krause von plan & rat und Dr. Alexandra König vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. werden anwesend sein. Es ist klar, dass die weibliche Perspektive in Mobilitätsberufen und -planung noch immer unterrepräsentiert ist. Der Frauenanteil in Leitungsfunktionen im BMDV liegt bei 38%, in der Stadtplanung bei 33% und bei den 50 größten Verkehrsunternehmen sogar nur bei 5,6%.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die anstehende Fahrraddemo „Purple Ride“ in Gießen nicht nur eine wichtige Plattform für die Sichtbarkeit der geschlechtergerechten Mobilität ist, sondern auch ein Aufruf zur Veränderung in der Verkehrsplanung und eine Einladung an alle, sich aktiv für eine gerechtere Mobilität einzusetzen. Weitere Informationen und Veranstaltungen rund um den Internationalen feministischen Kampftag finden sich im Programm der Stadt Gießen, das auch auf die Belange von Frauen eingeht. Für mehr Details zur „Purple Ride“-Veranstaltung besuchen Sie bitte die Gießener Zeitung.