In der Welt der Gerüstbauer ist Marie, eine 20-jährige Gerüstbauerin aus Deutschland, eine Ausnahmeerscheinung. Nach ihrem Abitur hat sie die Berufsschule in Groß-Gerau besucht und sich für eine Ausbildung im Gerüstbau entschieden, die sie in einem Ausbildungsbetrieb in Rheinböllen, Rheinland-Pfalz, absolviert hat. Zweiundfünfzig Kilometer pendelte sie über zweieinhalb Jahre nach Hessen, um ihren Traumberuf zu erlernen. Anfang des Jahres hat sie erfolgreich ihre Gesellenprüfung abgelegt, zusammen mit 23 anderen Auszubildenden. Doch der Weg war nicht einfach: Auf Baustellen ist sie oft die einzige Frau und erlebt nicht nur Ablehnung, sondern auch Sexismus. Sprüche wie „Wir wollen dich nicht auf der Baustelle haben“ und sexuelle Übergriffe sind für sie trauriger Alltag. Marie ist fest entschlossen, sich gegen solche Vorfälle zu wehren und fordert, dass diese Themen in der Ausbildung angesprochen werden. Trotz aller Widrigkeiten liebt sie ihren Job und beschreibt ihn als „den geilsten Job der Welt“.
Marie hat verschiedene Praktika in anderen Branchen gemacht, fand jedoch Büroarbeit langweilig und schätzt die Teamarbeit sowie die sichtbaren Ergebnisse ihrer Arbeit. Ihre Pläne für die Zukunft sind ambitioniert: Sie möchte ihren Meister machen und die Firma ihres Großvaters gemeinsam mit ihrer Schwester übernehmen. Gerüstbauer und -bauerinnen werden dringend gesucht, da der Fachkräftemangel im Bauwesen groß ist. Allerdings empfiehlt Marie den Beruf nur eingeschränkt an andere Frauen, da sie die körperlichen Anforderungen und den Umgang auf Baustellen als herausfordernd empfindet.
Herausforderungen für Frauen im Handwerk
Marie’s Erfahrungen sind kein Einzelfall. Der Frauenanteil im Bauhauptgewerbe liegt derzeit bei nur 1,8%. Diese Zahl verdeutlicht, wie stark Frauen in gewerblich-technischen Berufen unterrepräsentiert sind. Ein Blick auf die Werbewelt zeigt, dass sexistische Elemente auch hier an der Tagesordnung sind. So spricht eine Werbeanzeige für Baumechatroniker:innen Frauen nicht ernsthaft an und ist ein Beispiel für die Herausforderungen, mit denen Frauen im Handwerk konfrontiert sind. Solche Werbung ist häufig bei kleineren Handwerksbetrieben zu finden, was den Eindruck verstärkt, dass Frauen in diesen Berufen nicht willkommen sind.
Die Realität ist jedoch, dass Handwerkskammern und Verbände an Kampagnen arbeiten, um dem Frauenmangel in gewerblich-technischen Berufen entgegenzuwirken. 2023 war jede siebte Auszubildende im Handwerk weiblich, und ein Viertel der Betriebe wird von Frauen geleitet. Dennoch sind die Fortschritte langsam, und es fehlt an ernsthaften Maßnahmen gegen Sexismus im Handwerk. Der Zentrale Handwerksverband (ZDH) erkennt das Problem an, bietet jedoch keine spezifischen Beratungsstellen für Betroffene an. Die Klischees über das Handwerk sind tief verwurzelt und beeinflussen auch die Wahrnehmung von Kindern, was die Rekrutierung junger Frauen noch schwieriger macht.
Ein Blick in die Zukunft
Im Jahr 2024 wird der Frauenanteil unter den Auszubildenden im Handwerk auf 17,3 Prozent steigen. Diese Zunahme ist ein positives Zeichen, dennoch bleibt es eine Herausforderung, Frauen in gewerblich-technischen Berufen zu fördern. In kreativen Handwerksberufen wie Maßschneiderin, Goldschmiedin oder Konditorin sind hohe Frauenanteile zu verzeichnen, während in technischen Berufen wie Kraftfahrzeugmechatronikerin, Tischlerin und Elektronikerin der Frauenanteil ebenfalls wächst.
Dennoch bleibt der Bau ein männerdominiertes Feld, in dem der Frauenanteil weiterhin niedrig ist. Frauen wie Marie und Anna Maas, die sich für mehr FLINTA* im Baugewerbe einsetzen, sind Vorbilder für die nächste Generation. Die Herausforderungen sind groß, aber mit engagierten Stimmen und kontinuierlichen Bemühungen, die Strukturen zu ändern, könnte sich die Landschaft für Frauen im Handwerk in den kommenden Jahren erheblich verändern. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wäre es, den Sexismus in der Branche ernsthaft anzugehen und zu verhindern, dass zukünftige Generationen ähnliche Erfahrungen machen müssen.
Für weitere Informationen über die Herausforderungen und Chancen für Frauen im Handwerk können Sie die Artikel auf hessenschau.de, pinkstinks.de und zdh.de nachlesen.