In der literarischen Landschaft Deutschlands sticht Hans-Jürgen von der Wense als ein faszinierender Universalgelehrter hervor. Geboren am 10. November 1894 in Ortelsburg/Ostpreußen und gestorben am 9. November 1966 in Göttingen, war er nicht nur Schriftsteller, sondern auch Übersetzer, Fotograf, Künstler und Komponist. Sein jüngstes Werk, das Buch „Routen II“, das durch die editorische Arbeit von Reiner Niehoff veröffentlicht wurde, bietet neue Einblicke in die Wanderungen und Landschaften Ostwestfalens und Südniedersachsens. Es ist eine Hommage an die Region zwischen Kassel, Hildesheim und Paderborn, die von der Wense mit einer poetischen und zugleich analytischen Linse betrachtet hat (Welt).

In „Routen II“ finden sich nicht nur eindrucksvolle Texte, die von den Erlebnissen des Autors während seiner zahlreichen Wanderungen zeugen, sondern auch historische und mythologische Elemente, die er in die Landschaften einfließen ließ. Die Geduld und die Detailgenauigkeit, mit der von der Wense seine Umgebung erkundete, sind bewundernswert. Er wanderte mit einer Aktentasche und Messtischblättern, orientierte sich an Wasserläufen und legte schätzungsweise 27.000 bis 40.000 Kilometer zurück. Besonders faszinierend ist seine Vorliebe für ungemütliches Wetter, das er als einen Katalysator für intensivere Erlebnisse betrachtete.

Ein vielseitiger Geist

Hans-Jürgen von der Wense war ein leidenschaftlicher Wanderer und Naturforscher. Sein umfangreicher Nachlass umfasst rund 60.000 Seiten, 40 Tagebücher und etwa 3.000 Fotos, die seine vielfältigen Interessen dokumentieren. Er entstammte dem niedersächsischen Adelsgeschlecht derer von der Wense und wuchs bei seinen Tanten in Rostock auf. Nach dem Abitur und einem abgebrochenen Studium in Berlin wurde er während des Ersten Weltkriegs zum Militärdienst eingezogen, wo er als Schreiber in einem Artilleriedepot arbeitete. Diese Erfahrungen prägten seine spätere künstlerische Laufbahn, in der er als Vertreter des musikalischen Dadaismus gilt und sich mit atonaler Musik und avantgardistischen Kompositionen auseinandersetzte (Wikipedia).

Seine Wanderungen durch das hessische Mittelgebirge ab 1933 führten zu einer intensiven Beschäftigung mit der Landschaftsphotographie. Wense war ein autodidaktischer Geist, der sich in verschiedenen Disziplinen bewegte, darunter auch die Fliegerei, die ihn bereits in seiner Jugend faszinierte. Trotz seiner aktiven Beteiligung an der literarischen und musikalischen Szene zog er sich nach kurzer Zeit zurück und widmete sich seinen Interessen in Warnemünde, Kassel und Göttingen. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er, sich für die Kasseler documenta und die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik zu interessieren.

Ein Blick auf sein Erbe

„Routen II“ ist nicht nur ein Reiseführer für Leser, sondern auch eine Einladung, die eigene Umgebung neu zu entdecken. Der Stil des Buches wechselt zwischen poetischen Beschreibungen und banalen Informationen, was es zu einem einzigartigen Erlebnis macht. Es wird empfohlen, das Buch in kleineren Portionen zu lesen, um die Wirkung der Texte vollständig zu erfassen. Der Verlag Matthes & Seitz hat mit diesem Werk einen wertvollen Beitrag zur Wiederentdeckung von Wenses Gedanken und Erlebnissen geleistet. Der Preis von 48 Euro für die 390 Seiten umfassende Veröffentlichung ist eine Investition in die literarische und historische Auseinandersetzung mit einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der deutschen Kulturgeschichte (Deutschlandfunk Kultur).

Insgesamt bleibt Hans-Jürgen von der Wense ein vielschichtiger und wenig bekannter Vertreter seiner Zeit, dessen Werke und Gedanken immer noch die Neugier wecken. Sein Nachlass wird in der Universitätsbibliothek Kassel aufbewahrt, und es gibt ein Wense Forum in Kassel, das seinem Andenken gewidmet ist. Wenses umfangreicher Nachlass und die posthum veröffentlichten Werke laden dazu ein, sich näher mit einem Leben auseinanderzusetzen, das von einer tiefen Liebe zur Natur und zur Sprache geprägt war.