Die Stadt Hanau steht aktuell im Fokus eines langwierigen Rechtsstreits um die Annasiedlung am Kinzigheimer Weg. Der Konflikt zwischen der Stadt und der Dolphin Capital 214. Projekt GmbH & Co. KG zieht sich bereits seit 2017 hin und hat sich in den letzten Jahren zunehmend zugespitzt. Ein Urteil des Landgerichts Darmstadt, das am 5. Januar 2026 verkündet wurde, hob die Rechtsauffassung der Stadt weitgehend hervor und bestätigte insbesondere das kommunale Vorkaufsrecht sowie den Verkehrswert der Immobilie. Dennoch hat der Rechtsanwalt des Insolvenzverwalters bereits Berufung gegen dieses Urteil eingelegt, wobei die Begründung bislang noch aussteht. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) zeigt sich optimistisch, dass die Gegenseite im Berufungsverfahren unterliegen wird.

Die Annasiedlung, die einst ein beliebtes Wohngebiet war, ist in einem bedauerlichen Zustand. Viele Wohnungen stehen leer, und von den rund 160 Einheiten sind derzeit nur noch 10 bewohnt. Der bauliche Verfall ist deutlich sichtbar: Fenster sind vernagelt, Türen zugemauert, Balkone abgebrochen und Wände mit Graffiti beschmiert. Dieses Bild ist das Resultat jahrelanger Vernachlässigung seit dem Verkauf der Siedlung an einen privaten Investor im Jahr 2009 für 2,4 Millionen Euro. Der aktuelle Eigentümer, die insolvente Dolphin Capital, hat die Immobilie nicht instand gehalten, was zur kritischen Situation geführt hat, die die Stadt nun zu beheben versucht. Die Stadt Hanau plant, die Annasiedlung zurückzukaufen und diese sozialverträglich zu sanieren.

Rechtsstreit und Sanierungspläne

Der Rechtsstreit um den Rückkauf der Annasiedlung gestaltet sich kompliziert. Ursprünglich bot die Stadt Hanau vier Millionen Euro für die 13 Wohnblöcke, während Dolphin Capital über zehn Millionen verlangte. Das Landgericht Darmstadt entschied schließlich, dass die Stadt die Siedlung für fünf Millionen Euro zurückkaufen darf, jedoch ist dieses Urteil noch nicht rechtskräftig. Unklar bleibt, ob und wann das Berufungsgericht in die materielle Prüfung einsteigen kann. Eine Frist von zwei Monaten für die Begründung der Berufung könnte verlängert werden, was die Unsicherheit weiter erhöht. Bürgermeister Kaminsky äußert seinen Unmut über den fortschreitenden Verfall und betont die Notwendigkeit, das Vorkaufsrecht konsequent zu nutzen, um solche Situationen künftig zu vermeiden.

Die Stadt hat zudem mit erheblichen Kosten zu kämpfen: Über 400.000 Euro musste sie für die Entsorgung von 100 Containern Müll aufbringen, die nicht zurückgeholt werden konnten. Der Insolvenzverwalter Justus von Buchwaldt sieht sich aufgrund von „Masseunzulänglichkeit“ außerstande, notwendige Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. Dies hat auch zur Folge, dass das soziale Umfeld der verbliebenen Bewohner, wie beispielsweise Claudia von der Burg-Zirkel, stark belastet ist, da sie gegen den Verfall ihrer Wohnsituation ankämpfen.

Die historische Dimension der Annasiedlung

Die Annasiedlung wurde in den 1930er Jahren im Gartenstadtstil angelegt und erfreute sich aufgrund ihrer günstigen Mieten von 4,50 Euro pro Quadratmeter großer Beliebtheit. Sie war Teil eines größeren Wohnungsbauprogramms, das die Schaffung von sozialem Wohnraum zum Ziel hatte. Die Geschichte der Siedlung ist eng verbunden mit dem Firmengeflecht des Deutsch-Briten Charles Smethurst, der wegen Betrugs verurteilt wurde. Die Stadt Hanau sieht die Notwendigkeit, die denkmalgeschützte Wohnanlage zu erhalten und plant daher, die Immobilie zurückzuerwerben.

Die aktuellen Entwicklungen werfen ein Schlaglicht auf die Herausforderungen im Bereich der kommunalen Wohnraumpolitik und den Umgang mit privatisierten Wohnanlagen, die in der Vergangenheit oft sträflich vernachlässigt wurden. In Anbetracht der anhaltenden rechtlichen Auseinandersetzungen und der kritischen infrastrukturellen Bedingungen bleibt abzuwarten, wie sich die Lage um die Annasiedlung entwickeln wird, und ob die Stadt Hanau tatsächlich in der Lage ist, ihre Pläne zur Sanierung und zum Erhalt der Siedlung in die Tat umzusetzen. Ein umfassender Dialog zwischen Stadtverwaltung, Eigentümern und Bewohnern könnte hier der Schlüssel zu einer nachhaltigen Lösung sein.