Was steckt eigentlich hinter dem Phänomen Shein, das in den letzten Jahren die Modewelt im Sturm erobert hat? Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass schnelllebige Mode oft zu erbärmlichen Arbeitsbedingungen führt. Diese Erkenntnisse werden besonders durch die Geschichten von Arbeitern in China geschärft, die die ausbeuterischen Praktiken des Unternehmens anprangern.
Ein eindringliches Beispiel ist die Geschichte von Lucy n°1, die an einem typischen Arbeitstag in Nanjing beginnt. Um 7h40 weckt sie der Alltag und der Druck, rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen, ist groß. Statt sich für die Arbeit schick zu machen, steigt sie in die überfüllte U-Bahn und pendelt eine Stunde durch eine trostlose industrielle Landschaft. Nach einer Sicherheitskontrolle betritt sie die Büros von Shein, wo Werbung auf großen Bildschirmen um ihre Aufmerksamkeit buhlt. Hier ist ihre Aufgabe nicht weniger als die Überprüfung von 10.000 Paaren Sportschuhen auf mögliche Verstöße gegen das geistige Eigentum. Diese Tätigkeit wird in drei Schritte unterteilt: Sichtprüfung, Dokumentation und Beschwerdeprüfung. Doch die Beurteilung dieser Artikel bleibt den Mitarbeitern überlassen, die täglich mit einer Flut an Daten konfrontiert sind. Von zu Beginn 10.000 Einträgen zu Verstößen hat sich die Zahl mittlerweile auf 70.000 erhöht; eine gewaltige und ständig wachsende Herausforderung.
Die Schattenseiten der Fast Fashion
Die Fast-Fashion-Industrie ist nicht nur ein Fortbestand modebewusster Trends, sondern auch ein Brennpunkt ethischer Fragen. Tatsächlich sind die Bedingungen, unter denen Kleidung produziert wird, oft als „fast-esklavisch“ zu beschreiben. Dies betrifft nicht nur Shein, sondern viele Marken, die günstige Preise anbieten, darunter auch Adidas. Der Einkaufsverhalten der Konsumenten – angezogen von extrem niedrigen Preisen – kulminiert in einer Realität, die für viele Arbeiter ausbeuterisch ist. Lucy n°1 verdient gerade einmal 8.000 Yuan, was etwa 975 CHF entspricht, und muss häufig Überstunden leisten.
Ein Blick auf die Verteilung der Kosten eines typischen 4,99 Euro Kleidungsstücks zeigt, wie gering die Löhne sind, die letztendlich den Mitarbeitern zugutekommen. Nur 0,13 Euro landen bei den Näher*innen. In der Branche übersteigen 82 % der Näher*innen die gesetzliche Arbeitszeitgrenze von 40 Stunden pro Woche, viele arbeiten bis zu 16 Stunden pro Tag. Diese Erschöpfung führt zu gefährlichen Bedingungen, denn hohe Arbeitszeiten können auch zu Konzentrationsverlust und Unfällen führen.
Ökologische Implikationen und Konsumverhalten
Die Auswirkungen der Fast Fashion sind nicht nur sozial, sondern auch ökologisch verheerend. Die Produktion verwendet toxische Chemikalien, die sowohl für Arbeiter als auch für die Umwelt schädlich sind. Während die Modeindustrie wuchert, bleibt das Bewusstsein der Konsumenten oft hinter den ethischen Implikationen zurück. Nach einer Verdopplung der weltweiten Kleidungseinkäufe zwischen 2000 und 2015 ist die Frage, wie viel die Verbraucher über die Herkunft und die Bedingungen, unter denen ihre Kleidung produziert wird, nachdenken, von größter Bedeutung.
Es wird dringend empfohlen, Kleidungsstücke von vertrauenswürdigen Herstellern zu kaufen, auf nachhaltige Siegel zu achten und den eigenen Konsum zu hinterfragen. Die Notwendigkeit eines Umdenkens ist also dringlich – in einem Markt, der mit gefälschten Marken und prekären Arbeitsbedingungen konfrontiert ist. Man könnte sagen, da liegt was an: Ein Umdenken in der Gesellschaft ist überfällig.