In Barnstorf hat ein bedeutendes Gespräch über jüdisches Leben und Antisemitismus stattgefunden. Michael Fürst, der Präsident des Landesverbands jüdischer Gemeinden in Niedersachsen, besuchte die Christian-Hülsmeyer-Schule und führte einen offenen Austausch mit den Schülerinnen und Schülern. Vorangegangen war eine intensive Beschäftigung mit dem Thema im Unterricht unter Leitung von Lehrerin Dorit Schierholz, die bereits seit Jahren die Verfolgung der Juden während des Nationalsozialismus behandelt. Ein zentrales Anliegen des Besuchs war es, Berührungsängste abzubauen und das Bewusstsein für die Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens zu stärken.

Fürst teilte seine persönlichen Erlebnisse, darunter die berührende Geschichte seiner Familie, die 1941 nach Riga deportiert wurde. Sein Vater überlebte mehrere Konzentrationslager, während seine Großeltern ermordet wurden. Diese eindringlichen Berichte sind wichtig, um die heikle Thematik in die Köpfe junger Menschen zu bringen und sie zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus anzuregen. Stolpersteine in Barnstorf, die an die Familien Gärtner und Fränkel erinnern, bieten hierbei einen greifbaren Bezug zur lokalen Geschichte.

Antisemitismus als gesellschaftliches Problem

Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in Deutschland ist längst nicht abgeschlossen. Historisch hat dieser eine tiefe Wurzel, die bis in die Antike zurückreicht. Nach dem Holocaust stellte sich die Frage, ob antisemitische Einstellungen überwunden werden könnten – und die Antwort fällt ernüchternd aus: In den letzten Jahrzehnten gab es über tausend antisemitische Vorfälle in Deutschland, wobei ein großer Teil der Bevölkerung nach wie vor antisemitische Ansichten vertritt. In den ersten Jahren der Bundesrepublik Deutschland identifizierten Umfragen rund 37 % der Bevölkerung als extrem antisemitisch, eine besorgniserregende Zahl.

Besonders in der jüngsten Vergangenheit ist ein Anstieg an antisemitischen Vorfällen verzeichnet worden, der eng mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft ist. Laut dem Bundesverband RIAS wurde seit Oktober 2023 ein dramatischer Anstieg antisemitischer Versammlungen festgestellt, die überwiegend israelbezogene Inhalte aufweisen. Diese Vorfälle zeigen, dass die Bedrohung für jüdische Menschen in Deutschland nach wie vor real ist und kontinuierlich zunimmt.

Die Rolle von Bildung und Zivilcourage

Fürst rief die Schülerinnen und Schüler dazu auf, Zivilcourage zu zeigen und sich aktiv gegen jede Form von Diskriminierung zu wehren. Diese Botschaft ist besonders wichtig in einer Zeit, in der Antisemitismus nicht nur ein historisches Relikt ist, sondern viele Menschen in ihrem Alltag betrifft. Bildungseinrichtungen spielen eine essenzielle Rolle im Kampf gegen Antisemitismus. Die Kultusministerkonferenz und der Zentralrat der Juden arbeiten daher an Vorschlägen zur Sensibilisierung von Lehrkräften und Schülern für diese Thematik.

Der Austausch in Barnstorf ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um das Bewusstsein für jüdisches Leben in der Gesellschaft zu schärfen und Vorurteile abzubauen. Nach wie vor erfordert der umfassende Kampf gegen Antisemitismus gemeinschaftliches Engagement, um eine friedliche und respektvolle Gesellschaft zu fördern. Kreiszeitung dokumentiert diese wichtige Begegnung als Teil des fortlaufenden Lernprozesses.

Die Bekämpfung von Antisemitismus wird auch von einem fünf Punkte Plan begleitet, der in einem kooperativen Ansatz von Politik und Zivilgesellschaft erarbeitet wurde. So bleibt die Hoffnung, dass durch Bildung und Engagement solche veralteten Denkmuster endlich überwunden werden können.