In der aktuellen wirtschaftlichen Landschaft versuchen viele Industriebetriebe in Norddeutschland, ihre Abhängigkeit von den USA zu verringern. Eine Blitzumfrage der Industriearbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord hat ergeben, dass mehr als jeder vierte Betrieb plant, die Abhängigkeit insbesondere in der digitalen Infrastruktur zu reduzieren. Die Unternehmen sind auf der Suche nach alternativen Anbietern von Software- und KI-Anwendungen, da das Vertrauen in die Beziehungen zu den USA schwindet. Nordmetall-Hauptgeschäftsführer Nico Fickinger betont, dass die Handelskonflikte die norddeutsche Wirtschaft stark treffen und Unternehmen sich zunehmend auf andere Märkte ausrichten.
Wichtig in diesem Kontext sind auch die Handelsabkommen der Europäischen Union. Der Mercosur-Deal, der zu Jahresbeginn in Paraguay nach über 25 Jahren Verhandlungen unterzeichnet wurde, ist jedoch noch nicht in Kraft. Das Europäische Parlament hat im Januar beschlossen, das Abkommen zu überprüfen. Nahezu jeder vierte Betrieb ordnet seine Ausfuhranstrengungen neu, um alternative Exportziele zu erschließen, während beinahe jeder fünfte Betrieb an der Neuordnung der Lieferketten arbeitet, um Zwischenprodukte aus den USA zu vermeiden. Sechs Prozent der Betriebe planen sogar den Aufbau eines eigenen Produktionsstandorts in den USA, um Einfuhrzölle zu umgehen. An dieser Umfrage haben 147 Mitgliedsbetriebe teilgenommen.
Herausforderungen für den Mittelstand
Die Situation ist für kleine und mittelgroße Industrieunternehmen in Deutschland besonders herausfordernd. Diese Firmen, insbesondere solche mit einem Umsatz zwischen 100 und 250 Millionen Euro, sind stark auf Exporte angewiesen und sehen sich den amerikanischen Zöllen hilflos ausgeliefert. Laut Volkswirten ist die Lage der deutschen Wirtschaft im Vergleich zu den USA düster. Höhere Energiekosten in Europa im Vergleich zu den USA und China stellen einen erheblichen Standortnachteil dar. Zudem plagen Infrastrukturprobleme, alte Technik und eine alternde Bevölkerung die heimische Wirtschaft.
Politisch hat Europa eine schwache Position gegenüber den USA, trotz Beteuerungen aus Brüssel und Berlin. Das Zollabkommen der EU mit den USA wird als unzureichend bewertet, und die US-Wirtschaft gilt als dynamisch und stabil, obwohl die Abwertung des Dollars um 15 Prozent Risiken mit sich bringt. Deutsche Investmentunternehmen investieren dennoch weiterhin in den USA, da dort Produktivitäts- und Wachstumsvorteile bestehen.
Strategische Neuausrichtung der EU
In Anbetracht dieser Herausforderungen gestaltet die Europäische Kommission die Handelspolitik in enger Absprache mit den Mitgliedstaaten. Wöchentliche Treffen des handelspolitischen Ausschusses, der vom Rat der Europäischen Union bestellt wird, sind dabei von zentraler Bedeutung. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) erarbeitet die deutsche Position in der Handelspolitik. Zu den Hauptzielen der mittelfristigen Handelspolitik gehören die Unterstützung der Erholung und des Wandels der EU-Wirtschaft sowie die Gestaltung weltweiter Regeln für eine nachhaltigere Globalisierung.
Die EU hat sich außerdem auf die Stärkung ihrer Fähigkeit konzentriert, ihre Interessen durchzusetzen. Dazu zählt die Reform der WTO und die Unterstützung des ökologischen und digitalen Wandels. Mit der Einführung der Marktzugangspartnerschaft hat die EU auch Maßnahmen ergriffen, um Handelshemmnisse zu bekämpfen. Das Handelsportal „Access2Markets“ unterstützt Unternehmen bei Export- und Importgeschäften und bietet eine zentrale Anlaufstelle für Marktzugangsprobleme.
Die Entwicklungen in Norddeutschland sind also nicht nur ein Zeichen für die Unsicherheiten im globalen Handel, sondern auch ein Indiz für eine strategische Neuausrichtung der europäischen Wirtschaft. Die Betriebe müssen sich anpassen und neue Märkte erschließen, um in einer sich verändernden Weltwirtschaft erfolgreich zu sein.