Am 12. August 2023 ereignete sich in Hameln ein brutales Verbrechen, das sowohl die Justiz als auch die Öffentlichkeit schockierte. Ein 28-jähriger Mann, Lorenz M., mit einer Vorgeschichte psychischer Erkrankungen, schlug brutal auf einen 56-jährigen Obdachlosen ein. Der Täter, der an paranoider Schizophrenie leidet und Stimmen hört, war überzeugt, im Auftrag der Stadt Hameln zu handeln und verfügte über angebliche telepathische Fähigkeiten. Die Tat fand in einer Unterführung an der Rattenfängerhalle statt, einem bekannten Schlafplatz für Obdachlose.
Das Opfer erlitt schwerste Verletzungen, darunter eine Trümmerfraktur des Unterkiefers, einen Schlüsselbeinbruch, Hämatome sowie innere Blutungen und fast ein abgerissenes Ohr. Seine Begleiterin, 45 Jahre alt, versuchte einzugreifen und wurde ebenfalls verletzt. Lorenz M. setzte sich auf den Brustkorb des bewusstlosen Mannes und stieß mit Wucht eine Gabel in dessen Mund. Dank schneller ärztlicher Hilfe überlebte der Obdachlose und wurde mit einem Rettungshubschrauber ins Klinikum Minden geflogen.
Psychische Erkrankungen und Obdachlosigkeit
Im Rahmen des Gerichtsprozesses wurde Lorenz M. als „schuldunfähig“ eingestuft, da er das Unrecht seines Handelns nicht erkennen konnte. Das Gericht ordnete seine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an, eine Bewährungsstrafe wurde nicht beantragt. Dies wirft ein Schlaglicht auf die weitreichenden Probleme, mit denen psychisch kranke Obdachlose konfrontiert sind. Über 70% der Obdachlosen haben mindestens eine psychiatrisch diagnostizierte Erkrankung, und in einigen Studien liegt diese Zahl sogar über 90% (siehe Gegen Hartz). Psychische Erkrankungen sind oft mit Suchterkrankungen wie Alkoholismus verbunden, was die Situation weiter verschärft.
Die medizinische Behandlung psychischer Erkrankungen bei Obdachlosen ist in Deutschland deutlich schlechter als bei der Gesamtbevölkerung. Häufige psychiatrische Störungen sind Psychosen, Wahnvorstellungen, Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen und Depressionen. Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt, dass 23% der Wohnungslosen eine ärztlich diagnostizierte psychische Erkrankung haben, während 70% Hinweise auf mögliche unbekannte Erkrankungen aufweisen.
Versorgungslücken und Herausforderungen
Obdachlose mit psychischen Erkrankungen erfahren oft doppelte Ausgrenzung und sind in ihren Familien ein Tabuthema. Verhaltensauffälligkeiten können dazu führen, dass Anwohner sie als bedrohlich empfinden, was die Situation weiter verkompliziert. Professor Henning Dassler fordert eine stärkere Wahrnehmung obdachloser psychisch erkrankter Menschen als Individuen mit komplexen Bedürfnissen. Mehr als zwei Drittel der wohnungslosen Menschen in Deutschland leiden unter psychischen Erkrankungen, jedoch erhält nur ein Drittel von ihnen die notwendige psychiatrische Versorgung (siehe Ärzteblatt).
Die „Enthospitalisierung“ seit den 70er Jahren wird als Mitursache für die steigende Obdachlosigkeit identifiziert. Eine Studie hat gezeigt, dass im Durchschnitt sechseinhalb Jahre zwischen den ersten Symptomen einer psychischen Erkrankung und dem Verlust der Wohnung vergehen. Derzeit existiert kein klar definiertes Versorgungskonzept für die psychiatrische Betreuung von Obdachlosen. Forscher fordern die Schaffung von „Schutzräumen ohne forcierte Therapieanforderungen“, um diesen Menschen ein vorübergehendes „Time-out“ zu bieten, damit sie den Weg zurück in die Gesellschaft finden können.
Die brutale Tat von Lorenz M. ist ein erschütterndes Beispiel für die Gefahren, die sowohl psychisch kranke Menschen als auch die Gesellschaft insgesamt betreffen. Es ist unerlässlich, dass wir die Bedürfnisse dieser oft unsichtbaren und verletzlichen Gruppe ernst nehmen und die bestehenden Versorgungslücken schließen.