Die Chemiebranche in Nordrhein-Westfalen (NRW) steht vor dramatischen Herausforderungen. Während mehrere Werke vor der Schließung stehen, ist die Unsicherheit für die rund 100.000 Beschäftigten in der Region spürbar. Laut Welt gibt es einen Quasi-Einstellungsstopp in Köln, wo derzeit 161 junge Menschen ausgebildet werden. Die SPD-Opposition fordert Entlastungen, um die Branche zu unterstützen, die für ein Viertel der bundesdeutschen Chemieindustrie verantwortlich ist.

Ein besonders prägnantes Beispiel für die Situation ist das Ineos-Werk in Köln-Worringen, das kürzlich eine neue Gas- und Dampfanlage in Betrieb genommen hat. Die Investition über 100 Millionen Euro zeigt, dass der Konzern trotz der angespannten Lage weiterhin Optimismus hat. Allerdings wurde die Entscheidungsfindung für die Anlage bereits 2019 getroffen, und momentan werden neue Investitionen nicht genehmigt.

Schließungen und Jobverluste

Die Schließung von zwei Ineos-Werken im Kreis Wesel betrifft 175 Mitarbeiter, während ein weiteres Werk im Kreis Recklinghausen bis Ende 2027 schließen wird, was 280 Arbeitsplätze kostet. Diese Entwicklungen haben die Sorgen der Mitarbeiter in Köln verstärkt, da viele um ihre berufliche Zukunft fürchten müssen. Wirtschaftsministerin Mona Neubaur kritisierte den SPD-Vorstoß für eine Lockerung des CO₂-Zertifikatehandels als falsches Signal.

Auf der anderen Seite sind 79 Industriebetriebe ebenfalls in die Kritik geraten, da sie Änderungen beim Emissionshandelssystem fordern. Die hohen Kosten für CO₂-Zertifikate belasten nicht nur Ineos, die jährlich 90 bis 100 Millionen Euro zahlen, sondern die gesamte Branche leidet unter der billigen Konkurrenz aus Asien und sinkenden Preisen.

Wirtschaftliche Konsequenzen und nachhaltige Herausforderungen

Ebenso problematisch ist die von Evonik angekündigte senkende Jahresprognose, die von 2 bis 2,3 Milliarden Euro auf nur noch 1,9 Milliarden Euro zurückgefahren wird. Darüber hinaus plant Evonik den Abbau von insgesamt 2000 Stellen, wovon 1500 in Deutschland betroffen sind. Der Trend lässt sich auch bei Shell erkennen, das in Köln-Godorf seine Produktpalette umstellt und verstärkt auf Dekarbonisierung setzt.

Diese Herausforderungen haben auch einen ökologischen Hintergrund. Die Chemieindustrie hat zwar ihre Produktion seit 1990 um 48 Prozent gesteigert und gleichzeitig ihre Treibhausgasemissionen um über 60 Prozent gesenkt, doch der Druck wird durch die UN-Klimaziele und die deutschen Klimaziele, Klimaneutralität bis 2045, weiter erhöht. Laut Statista bleibt die Branche daher gefordert, ihre Nachhaltigkeitsstrategien und neuen Technologien auszubauen.

Mit dem in Kraft tretenden „Corporate Sustainability Reporting Directive” ab 2024 müssen große Chemiekonzerne umfassend über ihre Nachhaltigkeitskennzahlen berichten, was den Druck auf die Unternehmen weiter erhöhen wird. Die Entwicklung hin zu „greener chemistry“ könnte möglicherweise eine neue Chance darstellen, um innovative Lösungen für die Branche zu entwickeln.

In einer Zeit, in der der Druck aus verschiedenen Richtungen steigt und sicherheitliche wie auch wirtschaftliche Fragen im Raum stehen, wird deutlich, dass die Chemieindustrie in NRW eine Weichenstellung benötigt, die sowohl die Arbeitsplätze als auch die Umwelt im Blick hat. Zumindest wird eines klar: Die Herausforderungen sind enorm, und es scheint, als stünden schwierige Zeiten bevor.