Friedhelm Wessel hat kürzlich in der Serie „Oppa, erzähl mal was vom Bergbau…“ eine bewegende Geschichte über seinen Großvater August erzählt, der aus dem Hunsrück stammte. August verließ seine Heimat bereits in jungen Jahren, um im damals aufblühenden Ruhrgebiet Arbeit zu finden. Im Krieg wurde er verwundet, aber nach seiner Rückkehr wagte er zunächst den Schritt als Seemann, bevor es ihn wieder in den Bergbau zog, der für viele seiner Generation ein sicheres Auskommen bot. Seine Erlebnisse zeugen von der untrennbaren Verbindung von Arbeit und Identität im Ruhrgebiet, wo generationsübergreifende Geschichten und Traditionen lebendig gehalten werden. Wessel erinnert sich an das erste Länderspiel Deutschlands nach dem Krieg gegen Russland in Moskau, ein weiteres Zeichen für die Rückkehr zur Normalität nach den kriegerischen Zeiten, die viele Schicksale verzerrt hatten. NRWision berichtet, dass auch die Heimkehr eines besonderen Kriegsgefangenen Teil dieser Erinnerungen war.

Das Ruhrgebiet entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem der größten wirtschaftlichen Ballungsräume in Europa, vor allem dank des industriellen Bergbaus. Diese Region wurde zu einem zentralen Motor der nationalsozialistischen Kriegspolitik. Bis 1942 wurden Bergarbeiter vom Kriegsdienst freigestellt, um die dringend benötigte Kohle- und Stahlproduktion aufrechtzuerhalten. Mit der Verschlechterung der Kriegslage jedoch, wurden immer mehr Bergleute in den Dienst einberufen und mussten durch Zwangsarbeiter ersetzt werden. Eine traurige Bilanz: Im Frühjahr 1941 arbeiteten bereits über 25.000 Kriegsgefangene und ausländische Zivilisten im deutschen und österreichischen Steinkohlebau. Bis 1943 wurden mehr als 200.000 Ostarbeiter zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, und im letzten Kriegsjahr arbeiteten in Essen rund 220.000 Zwangsarbeiter. Die Gedenkstätten berichten von den grauenhaften Bedingungen, unter denen diese Arbeiter litten: Mangelernährung, schlechte Unterbringung in Baracken und die ständige Willkür seitens der SS und Gestapo waren an der Tagesordnung.

Zwangsarbeit im Bergbau: Ein düsteres Kapitel

Die neue Publikation von Hans-Christoph Seidel kommt zur rechten Zeit, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter im Ruhrbergbau im Detail zu beleuchten. Seidel hat in seiner Habilitationsschrift zum Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg an der Ruhr-Universität Bochum umfassend Quellen ausgewertet. Seine Untersuchung zeigt, wie entscheidend die Steinkohle für die Kriegwirtschaft der Nationalsozialisten war. Ab 1941 wurden immer mehr ausländische Arbeitskräfte, vor allem Ostarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene, in den Bergwerken eingesetzt. Damit diese Arbeitskräfte auch für qualifizierte Tätigkeiten herangezogen werden konnten, wurden ab 1942 zunehmend Zwangsarbeiter in den Gruben beschäftigt. HSozkult hebt hervor, dass der Ruhrbergbau keine Vorreiterrolle im deutschen Bergbau einnahm, aber eine regionale Führungsrolle im Ruhrgebiet übernahm.

Die Bedingungen für die Zwangsarbeiter waren oft katastrophal. Schlecht bezahlt, mit mangelhafter Ernährung und medizinischer Versorgung, waren sie der Gewalt und Diskriminierung deutscher Arbeiter und Zechenleitungen ausgesetzt. Die Konkurrenz um Ressourcen führte zu einem angespannten Klima, das Gewalt förderte. Seidels Forschungen decken diese Ungerechtigkeiten auf und bieten eine umfassende Organisations- und Sozialgeschichte des Ruhrbergbaus während des Zweiten Weltkriegs. Seine umfassende Analyse ist ein wichtiges Buch, das in die Schriftenreihe des Instituts für soziale Bewegungen (ISB) erschienen ist. Der Titel „Der Ruhrbergbau im Zweiten Weltkrieg. Zechen – Bergarbeiter – Zwangsarbeiter“ wird als eines der Standardwerke in der Forschung angesehen, das eine wichtige Lücke schließt.

Die Geschichten von Menschen wie August und die leidvollen Schicksale der Zwangsarbeiter sind ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur. Sie stehen im Kontrast zu den gegenwärtigen Bemühungen, die Geschichte lebendig zu halten und die sozialen Dynamiken von damals zu verstehen. Solche Ereignisse und Erlebnisberichte dürfen nicht in Vergessenheit geraten, denn da liegt viel an der Geschichte unserer Region – dem Ruhrgebiet.