In Bad Kreuznach wird die Geschichte der Stadt lebendig gehalten und dokumentiert. Das Stadtarchiv, unter der Leitung von Franziska Blum-Gabelmann, ist ein wichtiger Anlaufpunkt für Bürger und Forscher. Hier werden viele Anfragen, insbesondere aus dem Ausland, bearbeitet. Das Archiv verwaltet nicht nur Urkunden, Zeugnisse und Bauunterlagen, sondern sammelt auch persönliche Erinnerungen, Tagebücher und Briefe, die eine persönliche Perspektive auf historische Ereignisse bieten. Ein bemerkenswerter Nachlass stammt von einer Frau, die in der frühen Frauenbewegung aktiv war und somit wertvolle Einblicke in eine oft vernachlässigte Geschichte liefert.

Besonders in Zeiten, in denen viele Zeitzeugen der Umbrüche im 20. Jahrhundert verstorben sind, wird die Arbeit des Stadtarchivs immer wichtiger. Viele Geschichten und Erinnerungen sind nicht dokumentiert, wodurch das Archiv auf private Zeitzeugnisse angewiesen ist, um verlorene Dokumente zu rekonstruieren. Ein Beispiel für diese wertvolle Arbeit ist das aufgezeichnete Interview mit dem Heimatdichter Karl-Rudolf Hornberger, der als letzter Sprecher der Kreuznacher Mundart gilt. Diese Dokumentation ist nicht nur für die Stadtgeschichte von Bedeutung, sondern auch für die Erinnerungskultur insgesamt.

Das Haus der Stadtgeschichte

Ein weiteres Highlight in Bad Kreuznach ist das Haus der Stadtgeschichte, das über 1 km authentische Zeugnisse aus der Stadtgeschichte und dem Leben ihrer Bürger bietet. Es befindet sich in der Fußgängerzone und ist in einem umgebauten Warenhaus am Löwensteg untergebracht. Mit großen Schaufenstern vermittelt das Gebäude Transparenz und zieht die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Hier können Menschen aus dem In- und Ausland nach Vorfahren suchen oder sich einfach über die Geschichte der Stadt informieren.

Das Archiv bietet freien Zugang und ist ein Forschungs- und Begegnungsraum für alle Altersklassen. Nutzer können über die Website des Archivs Akten online bestellen und einsehen. Zudem gibt es einen Multifunktionsraum, der für Ausstellungen, Vorträge und historische Gesprächsrunden genutzt wird. Franziska Blum-Gabelmann berichtet, dass das Archiv nicht nur von Forschern, sondern auch von Schülern und Heimatinteressierten für verschiedene Projekte genutzt wird. In dieser Hinsicht spielt das Stadtarchiv eine entscheidende Rolle in der Bildung und dem Verständnis der Stadtgeschichte.

Erinnerungskultur und digitale Transformation

Die Archivarbeit befindet sich im Wandel von analog zu digital, um digitale Zeitzeugnisse zu erfassen. Dies ist besonders relevant in der heutigen Zeit, wo die Erhaltung von Erinnerungen als wichtig erachtet wird. Die politische Dimension der Erinnerungskultur wird angesprochen: Wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten. Stadtarchive dokumentieren auch aktuelle Ereignisse, wie die Corona-Pandemie. In Bad Kreuznach wurde während dieser Zeit das Stadtbild dokumentiert und Interviews mit Bürgern geführt, um die Erfahrungen dieser außergewöhnlichen Zeit festzuhalten.

Ein Seminar an der Universität Würzburg thematisiert die Rolle von Stadtarchiven in der Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur. Ziel ist es, die Beziehung zwischen individueller Erinnerung und kollektiver Geschichte zu verstehen und verschiedene Quellen kritisch zu analysieren. Solche Initiativen zeigen, wie wichtig das Bewusstsein für Geschichte und Erinnerung ist, nicht nur im akademischen Rahmen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Die Archivarbeit in Bad Kreuznach trägt somit nicht nur zur Bewahrung der Vergangenheit bei, sondern fördert auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Identität.