In den letzten Wochen hat das Thema Medikamentenmangel in Deutschland erneut an Brisanz gewonnen. Besonders in der kalten Jahreszeit zeichnen sich alarmierende Engpässe ab, die sowohl für Gesundheitsdienstleister als auch für Patienten eine Herausforderung darstellen. Aktuell sind über 500 Medikamente offiziell als schwer verfügbar gemeldet – das betrifft insbesondere Arzneimittel wie Antibiotika für Kinder, Asthma-Mittel und Präparate zur Behandlung von ADHS. Die Warnungen kommen nicht von ungefähr; Experten sprechen von einem dauerhaften Problem in der Arzneimittelversorgung.
Wie NDR berichtet, sind in Schleswig-Holstein die Engpässe nicht so ausgeprägt wie vor zwei Jahren, dennoch gibt es bereits klare Anzeichen für Schwierigkeiten. Zu den betroffenen Medikamenten zählen Schilddrüsenpräparate, Asthma- und COPD-Mittel, einige Psychopharmaka sowie Herz-Kreislauf-Arzneien. Glücklicherweise sind Grippemedikamente und Fiebersäfte für Kinder derzeit vorrätig, aber die Verfügbarkeit könnte sich schnell ändern. Apotheker empfehlen daher, Rezepte frühzeitig einzureichen und gezielt nachzufragen, um rechtzeitig Alternativen zu finden.
Ein System im Umbruch
Die Arzneimittelversorgung in Deutschland steht vor Herausforderungen, die nicht nur die Apotheken, sondern auch die Patienten betreffen. Thomas Preis, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, zeigt sich besorgt über die Abhängigkeit von Produktionsstätten außerhalb Europas. Zugang zu benötigten Medikamenten sei zunehmend kritisch, da viele Produkte mittlerweile in Ländern wie China oder Indien hergestellt werden, was die Belastbarkeit des Systems infrage stellt. „Deutschland galt früher als ‚Apotheke der Welt‘, doch heute sieht die Situation ganz anders aus“, so Preis im Gespräch mit DW.
Ein weiterer Aspekt, der zur Verschärfung der Lage beiträgt, ist die bürokratische Hürde für Apotheken. Während der Corona-Pandemie konnten Apotheker ohne Rücksprache mit Ärzten andere Packungsgrößen oder wirkstoffgleiche Medikamente abgeben. Diese Flexibilität wurde jedoch mit der neuen Regelung im Jahr 2023 zurückgenommen, was einen Mehraufwand für alle Beteiligten bedeutet. Der Apothekerverband fordert nun mehr Handlungsspielraum für den Austausch von Medikamenten, um Engpässe effektiver zu managen.
Alte und chronisch Kranke besonders betroffen
Die Folgen der aktuellen Engpässe sind vor allem für ältere Menschen und chronisch Kranke gravierend. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) mahnt deutlich an, dass die Situation eine immense Belastung darstellt. Michael Engelmeier, der Vorstandsvorsitzende des SoVD, fordert eine Stärkung der Produktion in Europa und schlägt Lösungen vor, um die Apotheken von bürokratischen Hürden zu befreien. Er betont, dass besonders in der bevorstehenden Wintersaison Handlungsbedarf besteht, da die Überversorgung mit Fieber- und Erkältungsmitteln zwar gegeben ist, der Engpass bei anderen wichtigen Arzneien die Versorgung gefährdet.
In einem neuen Gesetzentwurf, der im Dezember verabschiedet werden soll, ist vorgesehen, Apotheken zu erlauben, Medikamente mit einem gleichwertigen Wirkstoff auszutauschen und verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rezept abzugeben, wenn dies in der elektronischen Patientenakte vermerkt ist. Es bleibt jedoch abzuwarten, inwieweit diese Maßnahmen die bestehende Situation entschärfen können.
Die Herausforderungen, die sich im Gesundheitssystem abzeichnen, sollten uns allen zu denken geben. Experten fordern eine höhere Impfquote gegen Grippeviren, um die Bevölkerung besser zu schützen und die Gesundheitssysteme nicht zusätzlich zu belasten. Der Weg zur Verbesserung der Medikamentenversorgung wird ein weiter und steiniger sein, dafür ist jedoch ein gemeinschaftliches Handeln aller Beteiligten notwendig.





